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[BKARTS] Anna Amalia bettelt, die Kulturpolitiker zanken



Bibliotheksbrand
Anna Amalia bettelt, die Kulturpolitiker zanken
Von Heinrich Wefing
 

13. Oktober 2004 Seit ein paar Tagen wissen wir etwas genauer, wie es zu dem
Feuer in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gekommen ist. Durch ein
Bohrloch in einer Bodendiele des Dachgeschosses ist nach vorläufigen
Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft offenbar Luft über eine
darunterliegende Balkendecke geströmt und hat einen dort wohl schon länger
eingenisteten Glimmbrand angefacht, dem schließlich Dachstuhl, Rokoko-Saal
und Zehntausende Bücher, Manuskripte, Bilder zum Opfer fielen. 


Noch ist nicht recht klar, wie das erste Glimmen in der massiven Balkendecke
entstehen konnte. Fachleute des Bundeskriminalamts aber suchen intensiv nach
einer Lösung dieses Rätsels. Unbeantwortet, ja recht eigentlich noch nicht
einmal gestellt ist hingegen die Frage nach der politischen Verantwortung
für die Katastrophe.

Wurde tatsächlich genug getan?

Wieso mußten nationale Heiligtümer in derart beklagenswerten Verhältnissen
verwahrt werden, ohne Brandwachen, Feuermelder, moderne Löschtechnik? Wieso
wurde erst jetzt, 2004, fünfzehn Jahre nach der Maueröffnung, mit der
Verlagerung der Schätze in ein neues Tiefmagazin begonnen? Wieso ist dieses
Depot nicht schon viel früher gebaut worden? Gewiß, das Geld war knapp. 

Aber haben alle Beteiligten, die Verantwortlichen der Stiftung Weimarer
Klassik, vor allem aber die zuständigen Kulturpolitiker und Haushälter in
Erfurt und Berlin tatsächlich genug getan, um der Stiftung die Mittel zu
verschaffen, die sie braucht, um wenigstens ihre Kernaufgabe, die Bewahrung
des klassischen Erbes, zu bewältigen? Haben sie zäh, einfallsreich,
lautstark genug um Zuschüsse gekämpft? Noch steht eine Antwort aus, doch
schon gibt es Stimmen, die danach rufen, der Bund, der gegenwärtig die
Hälfte der Zuwendungen an die Weimarer Stiftung trägt, möge diese ganz
übernehmen. Der Freistaat Thüringen und die Stadt Weimar seien damit
überfordert.

Fassungslos vor den Trümmern

Man steckt mit solchen Überlegungen mitten in einer Debatte, die sich
üblicherweise als Glasperlenspiel für Verfassungsjuristen,
Ministerpräsidenten und Kulturlobbyisten darstellt, in dem Streit über die
richtige Balance der Kulturförderung in Deutschland. Selbstredend wäre es
absurd zu behaupten, mehr Zentralismus respektive mehr Föderalismus hätte
die Anna Amalia gerettet. Aber jetzt, da wir fassungslos vor den Trümmern
und verkohlten Folianten stehen, ist offenkundig, daß die Diskussion um das
Zusammenwirken von Bund, Ländern und Kommunen handfester und folgenreicher
ist als der Streit um das Geschlecht der Engel. Die einzigen, die das
offenbar noch nicht begriffen haben, sind die Kulturpolitiker in Bund und
Ländern.

Während die Stiftung in Weimar um jeden Spendengroschen betteln muß,
vergeuden die Bundestagsabgeordneten, die sich der Kultur widmen, ihre Zeit
mit der Erörterung intellektueller Totgeburten wie einer Staatsquote für
Popmusik. Und statt einmal den Rücken durchzudrücken und mehr Geld
einzufordern, wenigstens Bruchteile dessen, was alljährlich für
Forschungsförderung, Straßenbau oder Raumfahrtprogramme ausgegeben wird,
veranstalten sie Anhörungen über eine Kulturklausel im Grundgesetz. 

Auch die Länder versagen

Nun wäre es schön, wenn wenigstens die Länder, die so stolz und männlich
ihre Kulturhoheit gegen alle Zugriffe des Bundes zu verteidigen pflegen, mit
größerer Entschiedenheit und erfahrungssattem Gestaltungswillen das Erbe
pflegen und die Künste hegen würden. Allein, sie tun es nicht. Gerade erst
haben die Ministerpräsidenten in der siechen Föderalismuskommission einen
Plan zur Verschmelzung der beiden artifiziell getrennten Kulturstiftungen
von Bund und Ländern ausgeheckt, der so selbstherrlich ist, daß es
Kulturstaatsministerin Weiss leichtfiel, ihn vom Verhandlungstisch zu fegen.


Statt ihre eigene Kulturstiftung, aus der sich der Bund gerade schmollend
zurückzieht, besser auszustatten, wollen die Länderchefs ganz unverhohlen an
die fetten Pfründe der Bundeskulturstiftung, vorzugsweise unter Entmachtung
des Bundes, obwohl der das Geld bereitstellt. Wollte man die Fusion von
Bundes- und Länderstiftung, die vor einem Jahr schon einmal an der
Bockbeinigkeit Bayerns gescheitert ist, neuerlich verhindern: Es gäbe keinen
besseren Weg als diese Idee.

Ein veritabler Skandal

Das nun allerdings ist ein veritabler Skandal, der sich so recht erst
ermessen läßt, wenn man die Fingerhakeleien der Staatskanzlisten noch einmal
mit dem Feuer in Weimar zusammendenkt. Etwa 13 Millionen Euro wird die
Restaurierung von gut dreißigtausend leichtbeschädigten Büchern aus der
Anna-Amalia-Bibliothek wohl kosten, noch einmal drei Millionen sind für die
Rettung von tausend besonders wertvollen Werken mit schweren Schäden nötig. 

Um die dezimierten Bestände wieder aufzufüllen, brauchte es zwischen zwanzig
und vierzig Millionen. Niemand weiß, woher dieses Geld kommen soll. Die
Kulturstiftung der Länder, die einmal zur Pflege national bedeutsamen
Kulturguts errichtet wurde, verfügt nicht annähernd über die notwendigen
Mittel. Und die Bundeskulturstiftung, die über einen Jahresetat von fast
vierzig Millionen Euro verfügt, sitzt im selbstgezimmerten Gefängnis eines
diffusen Avantgarde- und Projektebegriffs und könnte, selbst wenn sie
wollte, nichts zur Rettung der Weimarer Bücher beitragen, solange sie nicht
mit ihrer Zwillingsschwester vereint ist.

Schon richtig, meist ist Kulturpolitik kleinkariert und machtfixiert. Aber
wäre es nicht möglich, daß ein Ereignis wie der Brand im Schatzhaus der
deutschen Klassik wenigstens einmal eine noble, rasche, pragmatische Lösung
beförderte? An diesem Donnerstag tagen die Ministerpräsidenten in Berlin.
Sie könnten, wenn sie nur wollten, viel Gutes tun für Weimar und die
deutsche Kultur.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2004, Nr. 240 / Seite 31

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Ton Cremers
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